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27.04.2010

Ethologie: Was macht die denn da!

Kategorie: Printmedien

Hunde ahmen Verhalten nicht blind, sondern selektiv nach. Forscher in Wien erkunden es.

Wenn ein Hund etwas bewegen will, tut er das für gewöhnlich mit der Schnauze. Wenn er aber in eine neue Situation kommt und sieht, dass ein anderer Hund – der offenbar schon Erfahrung mit dieser Situation hat – statt der Schnauze die Pfote nimmt, was tut der Hund dann? Das kommt darauf an. Worauf? Darauf, ob der andere Hund die Schnauze frei hat oder nicht. Hat er sie nicht frei, sondern einen Ball drinnen –, dann nimmt sich sein Beobachter an ihm kein Beispiel und greift mit der Schnauze zu. Hat der Demonstrator seine Schnauze aber frei und benützt doch die Pfote, nimmt auch der Beobachter die Pfote.

„Das hatten wir nicht erwartet“, berichtet Friederike Range (Neurobiologie und Kognitionsforschung, Uni Wien) der „Presse“: „Zunächst ist es mir auch gar nicht aufgefallen, weil ich die ganze Testreihe betrachtet habe. Erst am Schluss – als ich mich auf den je ersten Versuch konzentriert habe – hat es sich gezeigt.“ Unerwartet kam der Effekt, weil man ihn bisher nur von Menschen kennt, präziser: von 14 Monate jungen Kindern. Mit einigen von ihnen experimentierte vor Jahren György Gergely, Psychologe an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften: Er brachte die Kinder in eine Situation, in der es (a) etwas zu lernen gab und in der (b) vermittelt wurde, dass es etwas zu lernen gab: Sie sollten gut hinschauen.

Zu sehen gab es eine Erwachsene, die an einem Tisch saß, auf dem eine Lampe stand. Die wurde durch Berührung eingeschaltet – aber die Demonstratorin nahm nicht die Hände, sondern den Kopf. Das taten die Kinder auch, wenn die Hände der Demonstratorin frei waren. Nur dann: Waren die Hände der Demonstratorin nicht frei, sondern anderweitig beschäftigt, imitierten die Kinder nicht, sondern machten mit den Händen Licht (Nature, 415, S.755).

Ranges Experiment war analog angelegt, – eine Demonstrator-Hündin war darauf abgerichtet, einen Holzstab mit der Pfote zu bewegen –, das Ergebnis war das gleiche (Current Biology, 26.4.). Heißt das nun, dass Kinder und Hunde sich in andere hineinversetzen können, so etwa: „Was macht die denn da, warum nimmt sie nicht die Hände (das Maul), obwohl sie frei sind? Es muss einen guten Grund dafür geben, mache ich es auch so!“ „Das können wir nicht sagen, wir wissen nicht, welche kognitiven Prozesse dahinter stehen, wir wissen auch nicht, ob hinter dem äußerlich gleichen Verhalten von Menschen und Hunden das Gleiche steht“, erklärt Range.

Die Macht der Situation

„Gergely hat das damals ,rationale Imitation‘ genannt, in dem Sinn, dass die Kinder reflektieren“, ergänzt Ludwig Huber, Ranges Chef und Ko-Experimentator: „Das hätten wir uns nicht getraut, wir nennen es bescheidener ,selektive Imitation‘ und meinen damit, dass die Situation das Verhalten irgendwie beeinflusst.“ Vielleicht dadurch, dass es explizit eine Lernsituation war? Den Kindern wurde es vermittelt, den Hunden auch, die jeweiligen Herren waren mit dabei und mahnten die Hunde zum Aufpassen.

Vielleicht lag es daran, Range will es in Folgeversuchen klären. Vielleicht agieren aber auch viele andere Tiere so, Range will auch das klären, etwa an Schimpansen. Zu klären bleibt schließlich, warum die Hunde nur im je ersten Versuch die ungewohnte Pfote nahmen und später doch oft zum vertrauten Maul zurückkamen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2007)

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